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Mehr Sicherheit für Fuhrparks – 5 Fragen an den Deutschen Verkehrssicherheitsrat

Herr Stankowitz, mit welchen aktuellen und kommenden Herausforderungen in puncto Verkehrssicherheit sollten sich deutsche Fuhrparkmanager auseinandersetzen?

Welf Stankowitz: Wir haben festgestellt, dass gerade in den letzten zwei Jahren die Zahl der Getöteten und Verletzten in Deutschland wieder gestiegen ist. Grund ist nicht allein das gute Wetter, sondern auch andere Faktoren wie eine Wirtschaftskonjunktur, die mehr Güter- und Freizeitverkehr auf die Straße bringt. Wenn wir weiterhin die Zahl der Toten und Verletzten reduzieren möchten, müssen wir mehr tun als das, was wir gerade tun. Wir haben auch jede Gelegenheit dazu, weil die Technik immer weiter voranschreitet. Einen riesigen Anteil an der Erhöhung der Verkehrssicherheit haben dabei die sogenannten Fahrerassistenzsysteme und in Zukunft auch das automatisierte Fahren. Hier ergeben sich durch die neuen Technologien sehr viele Möglichkeiten.

 Ist das Sicherheitsbewusstsein bei Fuhrparkmanagern ausreichend und sind die deutschen Fuhrparks gut gerüstet für die aktuelle Verkehrssituation?

Für unsere Begriffe sind die Fuhrparkmanager noch nicht ausreichend gerüstet. Wir würden uns wünschen, dass sie sich intensiver mit dem Thema Fahrsicherheit beschäftigen. Bei Veranstaltungen und Vorträgen sehen wir, dass Fuhrparkmanager oft erstaunt sind, welch großen Beitrag Fahrerassistenzsysteme bei der Unfallverhütung leisten können. Letztendlich muss man auch berücksichtigen, dass bei einem Unfall im Job der Schaden anders zu bewerten ist als bei einem Privatfahrer. Zum Beispiel, wenn Kundenkontakte Schaden nehmen, weil etwas nicht ausgeliefert werden kann und Konventionalstrafen drohen oder wenn ein Mitarbeiter mehrere Wochen ausfällt und keine Geschäfte abschließen kann. Leider ist es gerade bei Dienstfahrzeugen oft so, dass sich die Fahrer als Ausstattung eher Ledersitze oder ein Glasdach wünschen anstelle eines Assistenzsystems. Hier sollten sich die Sicherheitsverantwortlichen in den Betrieben ein bisschen mehr durchsetzen und Vorgaben machen, welche Sicherheitseinrichtungen in den Fahrzeugen vorhanden sein müssen. Das gilt für hochpreisige Dienstfahrzeuge, aber auch für die Fahrzeuge im günstigeren Preissegment. Es gibt viele Fahrzeugflotten, zum Beispiel von medizinischen Diensten, die sehr stark auf das Geld achten müssen und möglichst kleine, billige Fahrzeuge nutzen. Gerade im Stadtverkehr passieren sehr viele Unfälle. Wenn in solchen Fahrzeugen Sicherheitssysteme eingebaut sind, die z. B. frühzeitig vor Kollisionen warnen oder einen Notbremsassistenten haben, ist das schon sehr hilfreich, auch wenn das ein paar Euro mehr in der Anschaffung kostet.

 

Welche Technologien sind Ihrer Meinung nach besonders effizient in der Unfallprävention?

Wir halten sehr viel von Notbremsassistenten und Notbremsfunktionen im Allgemeinen, denn hier kann eine sehr hohe Reduktion von Unfällen erreicht werden. Je nach Art und Funktion würden 20 bis 40 Prozent aller Unfälle zumindest glimpflicher ausfallen, wenn nicht ganz verhindert werden können. Jeder, der im Bereich der Verkehrssicherheit arbeitet, weiß, dass 20 bis 40 Prozent Reduktion wirklich eine sehr gute Quote ist, die uns sehr viel weiterbringen würde. Weitere sinnvolle Assistenten sind Spurhaltesysteme. Gerade auf Bundesstraßen und Autobahnen passieren viele Unfälle, weil Fahrer durch Unachtsamkeit oder zum Beispiel einen Blick nach hinten von der Spur abkommen. Wichtig ist auch alles, was die Sichtbarkeit in der Nacht erhöht, also Lichtassistenten, die gerade für ältere Fahrer hilfreich sind. Zusammengefasst kann man sagen, dass alle Systeme, die kamera- oder radarbasiert sind und die Umgebung automatisch beobachten und warnen, hilfreich sind. Man hat in Untersuchungen festgestellt, dass schon die Warnung durch einen Notbremsassistenten hilft, die Aufmerksamkeit der Fahrer wiederherzustellen, sodass diese frühzeitig auf die Verkehrssituation reagieren können. Einen ähnlichen Effekt haben andere Systeme, die frühzeitig warnen. Wir halten ebenfalls viel von ACC oder einem Abstandsregeltempomaten, den wir als die Komfortseite eines Assistenzsystems sehen. Er basiert auf der Beobachtung des Verkehrs vor dem Fahrzeug. Dieser Assistent ist sehr komfortabel, weil man nicht mehr selbst bremsen und Gas geben muss, um den Abstand zum vorfahrenden Fahrzeug einzuhalten.

Es gibt neben den vorab eingebauten Systemen aber auch Nachrüstlösungen. Was halten Sie davon?

Nachrüstsysteme sind auf jeden Fall eine Hilfe. Es gibt sehr viele Fahrzeuge in Deutschland, die bereits im Verkehr sind und keine voreingebauten Systeme haben. Diese können durch Nachrüstlösungen abgesichert werden. Einen Neuwagen kann sich schließlich nicht jeder leisten. Leider gibt es auch einzelne Fahrzeuge, in denen bestimmte Assistenzsysteme nicht serienmäßig von vornerein bestellbar sind. Auch für diese Fahrzeuge ist ein Nachrüstsystem wichtig. Es gibt eine amerikanische Untersuchung, nach der alleine eine Warnung vor einer Kollision mit einem vorausfahrenden Fahrzeug über 20 Prozent der Auffahrunfälle verhindern kann. Ich denke vor allem auch an Kleinlaster und Vans im Auslieferungsbereich, von dem wir wissen, dass hier nicht immer die neuesten Fahrzeuge mit Assistenzsystemen eingesetzt werden. Auch hier lohnt sich eine Nachrüstlösung sehr.

Welche Maßnahmen sollten in Deutschland ergriffen werden, um die Zahl der Unfälle z. B. im Bereich der Logistikwirtschaft zu reduzieren?

Die Politik macht natürlich vieles, kann aber nicht so schnell sein, wie wir uns das wünschen. Wenn wir technische Verbesserungen in Fahrzeugen fordern, die für alle verpflichtend sein sollen, so dauert dies mehrere Jahre. Zunächst müssen die Regelungen in internationalen Verhandlungen genau festgelegt werden und dann muss man auf die neuen Fahrzeugtypen warten, denn in den alten Typen, die vielleicht noch einige Jahre hergestellt werden, können viele Techniken nicht eingebaut werden. Oftmals ist die Automobilindustrie aber schneller als das Gesetz und bietet Sicherheitseinrichtungen an, die erst später vorgeschrieben werden. Bis unsere Empfehlungen, in allen Fahrzeugen obligatorisch Notbremssysteme einzubauen, Realität wird, dauert es noch einige Jahre. Anders sieht es bei den Kampagnen aus, die vom Bund oder den Ländern unterstützt werden. Aufgrund der verheerenden Auffahrunfälle von Lkws auf Autobahnen reagiert man jetzt z.B. in Niedersachsen und warnt mit Plakaten vor einem Auffahrunfall im Stauende. Autofahrer, Speditionen oder Flottenverantwortliche müssen aber nicht auf öffentliche Kampagnen oder Gesetzesänderungen warten. Es sollten schon heute die verfügbaren Sicherheitstechniken in die Fahrzeuge eingebaut werden.

Welf Stankowitz ist Referatsleiter beim DVR und kümmert sich um das Thema Fahrzeugtechnik und wie diese helfen kann, die Verkehrssicherheit zu erhöhen.

Entwurf 1

Vielen Dank für das Interview!

Über den DVR

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (kurz DVR) wurde 1969 gegründet und ist ein Kompetenzträger in allen Belangen der Straßenverkehrssicherheit in Deutschland. Die Aufgabe des Vereins ist die Förderung von Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer in Zusammenarbeit mit Organisationen, Gewerkschaften, Verbänden, Herstellern und anderen. Dabei stehen gemeinsame Maßnahmen und Aktionen im Vordergrund, die das Thema Sicherheit fördern. Der DVR unterstützt die Strategie Vision Zero , die sich das Ziel gesetzt hat, dass möglichst keine Menschen mehr im Straßenverkehr verletzt oder getötet werden.

Weitere Infos: www.dvr.de